Aufführung “Rocco und seine Brüder”

Im Rahmen der Ruhrtriennale fand am ersten Oktoberwochenende die Aufführung der Bühnenadaption des Luchino Visconti-Films “Rocco und seine Brüder” in der Bochumer Jahrhunderthalle statt. Den Film habe ich vorher nicht gesehen. Insofern gab es keine “Vorbelastung”. Das Stück wurde von einem holländischen Ensemble realisiert und dauerte ca. 2 Stunden 45 Minuten ohne Pause. Das überforderte einige Zuschauer, die die Aufführung deutlich vor dem Ende verließen. Die Geschichte handelt von einer süditalienischen Familie, die nach Norditalien migriert, um dort Arbeit, Aus- und Einkommen zu finden. Rocco und seine vier Brüder repräsentieren die verschiedenen Möglichkeiten, mit den Problemen der Migration, der Entwurzelung in einer neuen Umgebung zurecht zu kommen (bzw. daran zu scheitern). Da es sich um ein niederländisches Ensemble handelte, wurde die süditalienische Familie auf deutscher Sprache mit holländischem Akzent gesprochen, was dem Thema eine gewisse Schwere nahm. Aber auch zu einer unfreiwilligen Komik führte, wenn aus “Vince” (für Vicenzo) “Fietje” gehört werden konnte. Der holländische Akzent ist ja ganz niedlich. Wer sich auf das Stück einlassen kann, wird durch die famosen Schauspieler immer tiefer in das (Familien-)Drama hinein gezogen. Erstaunlich dabei ist, wie aktuell die Vorlage nach wie vor ist. Besonders zwingend ist der Bezug auf Italien mit einem holländischen Ensemble in deutscher Sprache, was die heutige globale Dimension der Migration verdeutlicht, ohne allzu plump auf hiesige Migrantengruppen zu rekurieren. Nicht zuletzt die Umgebung der Jahrhunderthalle in Bochum bietet eine Kulisse für die Zentralbühne, in der die harte Arbeit Einheimischer und Zugewanderter noch heute förmlich zu riechen ist. So liefert die Aufführung von “Rocco und seine Brüder” trotz einiger dramaturgischer Schwächen und Peinlichkeiten (eine plakative Vergewaltigungsszene) genug Stoff für weitere Diskussionen, die am besten bei einer echten Currywurst und einem Fiege geführt werden. Und dann mal das filmische Original anschauen.

Geschrieben von Ingo Riesener am Monday, den 6. October 2008 um 23:30 Uhr in Kultur. Diesen Beitrag weiterempfehlen

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